Ungefährlich, rein pflanzlich, keine Chemie!

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Weißwasser / Běła Woda, 8. Januar 2021. Von Thomas Beier. Wir leben ganz offenbar in paradoxen Zeiten: Noch nie war der Bildungsstand der Bevölkerung so hoch und noch nie wurde so viel Unsinn verbreitet und dann auch noch geglaubt! Beispiele liefern die Gesundheit und die Industrie.

Abb.: Nicht alles, was aus rein pflanzlichen Quellen stammt oder als natürlich deklariert ist, muss auch harmlos oder verträglich sein – es kann zu Neben- oder Wechselwirkungen kommen, außerdem kennt die Natur auch gefährliche Gifte!

Symbolfoto: Tom / analogicus, Pixabay License (Bild beschnitten)

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Vorsicht vor pauschalen Beurteilungen und Meinungen

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So geht nachhaltig: Verzinkte Wasserbehälter wie Gießkannen, Eimer oder Wannen halten fast ewig, so lange die Zinkschicht nicht mechanisch oder chemisch beschädigt wird

Foto: Sabine Lange, Pixabay License (Bild beschnitten)

Corona auch bei leichten Verlauf nicht harmlos


Augenfälligstes Beispiel ist die noch immer verbreitete und geglaubte Behauptung, die vom Coronavirus ausgelöste Erkrankung Covid-19 sei etwas ähnliches wie ein grippaler Infekt oder eine echte Grippeerkrankung. Das ist falsch, denn auch bei einem scheinbar leichtem Verlauf der Erkrankung an Covid-19 stellen sich nach Monaten bei vielen Erkrankten und scheinbar wieder Genesenen – die Angaben liegen zwischen 20 und aktueller 60 Prozent – ernsthafte und chronische Spätfolgen ein, weil das Coronavirus die Blutgefäße und damit auch die Organe angreift und damit eher einer Blutvergiftung ähnelt, die im gesamten Körper wirkt.


"Rein pflanzlich" nicht immer gut


In anderen Bereichen wird bei bestimmten Produkten auf deren rein pflanzlichen Ursprung hingewiesen, so etwa bei Arzneimitteln oder Textilien. Viele Verbraucher meinen, das sein besonders gut und verbinden den Hinweis "rein pflanzlich" mit Natürlichkeit, Schadstofffreiheit, Verträglichkeit oder sanfter Wirkung. Wer das pauschal so sieht, irrt: Gerade Textilien etwa aus Baumwolle oder Leinen können dennoch schadstoffbelastet sein, etwa durch den Anbau, die Verarbeitung oder die Färbung. Auch in der Medizin ist pflanzlich nicht unbedingt besser: Pflanzliche Extrakte oder Pulver enthalten zwangsläufig viele chemische Verbindungen in schwankender Konzentration, die nicht alle dem gewünschten Zweck dienen müssen. Unerwartete Neben- oder Wechselwirkungen sind dann wahrscheinlicher als bei einem chemisch-synthetischen Arzneimittel, das nur den gewünschten Wirkstoff enthält. Ausführlich zu diesem Thema informiert das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit unter der Überschrift "Pflanzliche Arzneimittel und ihre Risiken". Wer Tabletten oder – wie aktuell angesichts der Corona-Impfkampagne diskutiert wird – Impfungen ablehnt, sollte bedenken: Nicht die Methode oder Form, mit der ein Wirkstoff in den Körper gelangt, sondern der Wirkstoff selbst ist die entscheidende Komponente.


Chemie hingegen nicht per se schlecht


Doch schon das Wort Chemie lässt viele zurückschrecken. Vermutlich verbinden sie mit diesem Begriff vor allem Nachteiliges wie etwa chemische Zusätze oder Rückstände in Lebensmitteln, die Vermüllung der Umwelt mit Kunststoffen, umweltunfreundliche Pestizide in der Landwirtschaft oder generell gefährliche oder giftige Stoffe, von den verschwörungstheoretischen Chemtrails ganz abgesehen. Auch Chemieunfälle wie der im italienischen Seveso, bei dem 1976 eine hochgiftige Dioxinverbindung freigesetzt wurde, jener von Bento Rodrigues in Brasilien vom November 2015, als schwermetallhaltige Rückstände der chemischen Erzaufbereitung nach einem Dammbruch das Land überfluteten, oder die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut im August 2020, als eine Lagerhalle mit 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat in die Luft flog, nähren das Misstrauen gegenüber der Chemie. Ammoniumnitrat ist so ein typisches Chemieprodukt, das gleichzeitig für den Segen und den Fluch der Chemieindustrie steht. Ersthersteller war im Jahr 1659 der Apotheker und Alchemist Johann Rudolph Glauber, der übrigens auch das noch heute zur als Abführmittel und zur Darmreinigung genutzte Glaubersalz (Natriumsulfat) entdeckte. Ammoniumnitrat hingegen wird sowohl zur Sprengstoffherstellung genutzt als auch zur Produktion von Düngemitteln für die Landwirtschaft. Speziell in der Düngemittelproduktion und beim Düngemitteltransport kam es immer wieder zu schrecklichen Explosionskatastrophen. Chemische Prozesse, die vom Menschen im großen Stil in der Umwelt eingeleitet werden, finden hingegen in der Öffentlichkeit kaum Beachtung, denkt man etwa an die Bekalkung von Seen oder Wäldern. Durch Immissionen versauerte Gewässer oder saure Böden werden auf diese Weise chemisch neutralisiert, wenn das die Natur ob der eingebrachten Mengen aus eigener Kraft nicht mehr schafft.


Oberflächenchemie fördert Nachhaltigkeit


Trotz aller Vorurteile: Chemie ist aus dem Leben nicht wegzudenken, nicht zuletzt beruht das Leben selbst auf bio-chemischen und chemisch-physikalischen Prozessen. Gerade bei der Anwendung besonders umweltfreundlicher Werkstoffe, den Stahl genannten Eisenlegierungen, spielen chemische Prozesse eine wichtige Rolle. Umweltfreundlich ist Stahl, weil er vollständig recycelbar ist. Selbst wenn er in der Umwelt verbleibt und verrostet wird sein Hauptbestandteil zu harmlosem Eisenoxid, wie es in der Natur vorkommt. Neben der energieintensiven Schmelze und seiner Brennbarkeit ist das Verrosten der größte Nachteil des Stahls, wenn man von speziellen korrosionsträgen oder als nicht rostend bezeichneten, hochlegierten Stählen absieht. Ein besonderer Trick ist es, wenn die Zusammensetzung des Stahls zu einer luftdichten Rostschicht führt, die keinen Sauerstoff mehr durchlässt – damit das Eisen im Stahl rostet, muss es nämlich Sauerstoff und Wasser ausgesetzt werden. Praktisch heißt das: Die meisten, vor allem preiswerteren Stähle müssen vor Rost geschützt werden. Das kann durch moderne, selbstverständlich chemische Farbaufträge erfolgen. Verwendet wird dafür neben anderen Anstrichstoffen Penetriermittel, das auch auf festem Rost haftet und heute chromat- und bleifrei ist. Die früher beliebte, aber giftige Bleimennige wird heute nur noch von Fachbetrieben eingesetzt, etwa in der Denkmalsanierung. Eine weitere Methode des Rostschutzes ist das Galvanisieren. Galvanisch beschichten lassen sich nicht nur alle Metalle, sondern auch viele Kunststoffe und Keramiken. Grundprinzip ist, dass sich in einem elektrolytischen Bad Metallionen an einem Werkstück ablagern. Je nach Qualitätsanspruch können mehrlagige Schichten aus unterschiedlichen Metallen aufgebaut werden. Wer sich etwa an Auto oder Motorrad an verchromten Teilen erfreut sollte wissen, dass zwischen Stahlteil und Chromschicht mindestens zwei Nickelschichten und dazwischen noch eine Kupferschicht liegen. Ein weiteres bekanntes Verfahren für den Korrossionsschutz von Stahl ist das Feuerverzinken. Hierbei wird das Endprodukt in geschmolzenes Zink eingetaucht oder ein Stahlband, das später gestanzt oder umgeformt werden soll, durch eine Wanne gezogen, wodurch sich auf der Stahloberfläche eine sehr widerstandsfähige Zink-Eisen-Legierungsschicht bildet, die von einer reinen Zinkschicht umschlossen wird. Das Feuerverzinken war die Voraussetzung für den Siegeszug der seit dem Jahr 1910 so genannten Volksbadewanne des Schwarzenberger Klempners Karl Louis Krauß; nach 1925 wurden in seinem Werk mehr als 1.000 Stück pro Tag produziert. Bereits 1905 hatte er eine Feuerverzinkerei eröffnet, um die von ihm produzierten Waschmaschinen – unter anderem wurde hier die gelochte Waschtrommel erfunden – vor Rost zu schützen.


Oberflächentechnologien auf Vormarsch


Auch heute ist die Oberflächenchemie aus Industrie und Handwerk nicht wegzudenken, durch technologische Weiterentwicklungen hat sie immer wieder weitere Anwendungsgebiete gefunden. Moderne Oberflächentechnologien, wozu auch die Vakuumbeschichtung zählt, passen perfekt zu den modernen Ansprüchen an die Nachhaltigkeit von Produkten. So wird Langlebigkeit durch Rostschutz und Verschleißschutz erzeugt und die Recyclebarkeit durch die Möglichkeit häufigerer Stahlanwendungen verbessert. Darüber hinaus sorgen mit modernen Technologien beschichtete Oberflächen für allergenfreie Produkte – Stichwort ist die Kontaktvermeidung mit Nickel, manchmal auch anderen Metallen – wie auch für eine kostengünstigen Produktion auf der Basis von Stählen, Kunststoffen und Keramik. Kaum jemand weiß, dass die goldglänzenden Schiffspoller auf Luxusjachten ebenso wie manch funkelnde Autoarmatur in ausgemachten Luxuslimousinen oder das polierte Messingschild einer teuren Kanzlei im Kern aus preiswertem Stahl bestehen und unter anderem in spezialisierten Unternehmen im Landkreis Görlitz oberflächenbeschichtet werden.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto Apotheke: Tom / analogicus, Pixabay License; Foto Gießkanne: Sabine Lange / mermyhh, Pixabay License
  • Erstellt am 08.01.2021 - 20:30Uhr | Zuletzt geändert am 24.02.2025 - 08:46Uhr
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